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Somatisierungsstörung
Somatisierungsstörung
psychischen Ursprungs, das sog. psychovegetative Syndrom
Das
vegetative Nervensystem kann definiert werden als die Gesamtheit aller Organe
und Gewebe, die von vegetativen Nerven versorgt werden. Es ist dabei ein Teil
des Gesamtnervensystems und fest eingebunden und komplex verschaltet mit den übrigen
Strukturen des Nervensystems. Das vegetative Nervensystem beeinflusst die
menschlichen Organe besonders bei aufkommenden Affekten, Emotionen und Gefühlen,
wie z. B: Trauer, Freude, Wut, Ärger. Dabei werden vegetative Affekte
verursacht, wie Erblassen und Erröten, Herzklopfen,
Blutdrucksteigerung, Atemfrequenzsteigerung, Gänsehautbildung usw., Reaktionen
also, bei denen Denk- und Erlebnisinhalte zu Affekten führen, die vegetative
Erregungen bewirken und letztlich zu einer Somatisierungsstörung führen können.
Die menschlichen Organe werden
von sogenannten sympathischen und parasympathischen Nervenfasern innerviert und
damit nervlich versorgt und gesteuert. So ist z. B. für die Steigerung der Herzfrequenz
der Sympathikus
und für die Verlangsamung der Herzfrequenz der Vagusnerv verantwortlich.
Psychovegetative Erkrankungen in Form
einer Somatisierungsstörung entstehen, wenn das seelische Gleichgewicht gestört wird und damit
das ausgewogene Zusammenspiel des Sympathikus und Parasympathikus gestört wird.
Die Somatisierungsstörung zeigt sich als Krankheitssymptome vor allem in folgenden Organsystemen:
Für die Somatisierungsstörung sind vielfältige, wiederholt
auftretende und häufig wechselnde körperliche Symptome charakteristisch. Die
meisten Kranken haben eine lange und komplizierte Leidenskarriere hinter sich,
ohne dass eine organische Ursache des Leidens tatsächlich gefunden wurde.
Eine Somatisierungsstörung kann sich auf jeden Körperteil oder jedes System des Körpers
beziehen. Der Verlauf der Somatisierungsstörung ist chronisch und führt häufig zu einer lang dauernden Störung im sozialen, zwischenmenschlichen und familiären
Verhalten.
Die
ständige Beschäftigung mit den Symptomen der Somatisierungsstörung führt zu andauernden Leiden und dazu, dass die Patienten mehrfach
bei Ärzten vorstellig werden, sich zu Spezialisten überweisen lassen, in der
Hoffnung, dass durch Zusatzuntersuchungen vielleicht doch eine organische
Ursache des Leidens gefunden wird („Doctor shopping“).
Typisch ist eine Schwierigkeit dieser Patienten, die ärztliche Feststellung zu
akzeptieren, dass keine ausreichende körperliche Ursache für die körperlichen
Symptome, sondern eine Somatisierungsstörung vorliegt.
Somatisierungsstörung: Häufig klagen Patienten über folgende Symptome
Bauchschmerzen,
Übelkeit, Gefühl von Überblähung, schlechter Geschmack im Mund oder extrem
belegte Zunge, Klagen über Erbrechen oder Rückförderung von Speisen, Klagen
über häufigen Durchfall.
Atemlosigkeit
ohne Anstrengung, Brustschmerzen.
Auffälligkeiten beim Wasserlassen, vermehrter Harndrang, unangenehme
Empfindungen im oder um den Genitalbereich, Klagen über ungewöhnlichen oder
verstärkten vaginalen Ausfluss.
Klagen über Fleckigkeit oder Farbveränderung der Haut, Schmerzen in den
Gliedern, Armen, Beinen oder Gelenken, unangenehme Taubheit oder Kribbelgefühl
und Jucken.
Somatisierungsstörung: Übersicht über Diagnostik und Therapie
Psychovegetative Störungen mit überwiegend
seelischen Ursachen:
Es finden sich psychische Störungen
ohne organische Grundlage bei einer normalen Realitätswahrnehmung. Das Verhalten
ist nur in geringem Maße gestört, die Patienten erleben sich häufig nicht als
krank; die Konflikte, die zur Somatisierungsstörung führen, sind nur in geringem Maß verdrängt und stammen mehr aus der
aktuellen Situation und weniger aus der frühen Kindheit.
Die Symptome der
Somatisierungsstörung sind häufig diffus, lassen sich aber auf eine Leitsymptomatik
zentrieren. Fast immer besteht eine vegetative Übererregbarkeit.
Psychovegetative Somatisierungsstörung mit überwiegend
körperlicher Symptomatik:
Es
liegen körperliche Störungen vor ohne Schädigung des Gewebes oder
nachweisbarer physiologischer Funktionsstörungen, bei denen emotionale Faktoren
in der Entstehung die entscheidende Rolle spielen. Die Somatisierungsstörung wird meist an einem Organsystem besonders stark erlebt
(Leitsymptomatik).
Psychovegetative
Somatisierungsstörung: Kopfschmerzen
Kopfschmerzen
ohne nachweisbare körperliche Ursache, plötzlich oder allmählich auftretend,
für kurze oder längere Zeit anhaltend, ohne Seitenbetonung, ohne Lichtscheu
und Erbrechen.
Dazugehörige
Begriffe: Funktionelle Kopfschmerzen, Spannungskopfschmerz.
Psychovegetative Somatisierungsstörung des Herz-Kreislauf-Systems:
Plötzlich
oder allmählich auftretende Schmerzen in der Herzgegend, Druckgefühl,
ohne nachweisbaren körperlichen Befund, verbunden mit diffusen Ängsten;
schwankende Blutdruckwerte oberhalb oder unterhalb der Norm.
Dazugehörige Begriffe: Psychogene Herz-Kreislauf-Störungen,
Herzneurose, neurozirkulatorische Asthenie, somatoforme autonome Funktionsstörungen
des Herz-Kreislauf-Systems, Da Costa-Syndrom.
Psychovegetative
Somatisierungsstörung des Magen-Darm-Trakts:
Beschwerden
in der Magen-Darm-Gegend ohne nachweisbaren körperlichen Befund, verbunden mit
Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung.
Dazugehörige
Begriffe: Somatoforme autonome Funktionsstörungen des
Magen-Darm-Trakts. Magenneurose, psychogene Störung im Verdauungstrakt.
Psychovegetative Somatisierungsstörung
des respiratorischen Systems:
Beschwerden
bei der Atmung mit dem Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen, dabei
Entwicklung von Angstgefühlen, aber ohne organische Atembehinderung durch
Bronchialspasmen, oft verbunden mit einem vermehrten und vertieften Luftholen.
Dazugehörige
Begriffe: Psychogene Atemnot, psychogene Hyperventilation, somatoforme
autonome Funktionsstörung des Atemsystems.
Psychovegetative
somatoforme Wirbelsäulensymptomatik:
Beschwerden
im Bereich der Wirbelsäule mit Verkrampfung der Rückenmuskulatur ohne
organische Veränderungen an der Wirbelsäule.
Dazugehörige
Begriffe: HWS-, BWS-, LWS-Syndrom.
Psychovegetative Somatisierungsstörung im Urogenital-System:
Störungen
der Blasen-und Sexualfunktion ohne krankhaften Organbefund. Häufiges
Wasserlassen, Erektionsstörungen.
Dazugehörige
Begriffe: Psychogene Miktionsstörung, Dyspareunie, Dysmenorrhoe,
funktionelle Erektionsstörung.
Psychovegetative
Mischsymptomatik:
Beschwerden
im Herz- und Magenbereich in gleicher Intensität ohne krankhaften Organbefund.
Dazugehörige
Begriffe: Vegetative Dystonie.
Psychovegetative
Allgemeinstörung:
Diffuse
Beschwerden in verschiedenen Körperregionen von wechselnder Lokalisation und
wechselnder Intensität.
Dazugehörige
Begriffe: Neurasthenie.
Somatisierungsstörung: Therapie
Die
Beschwerden des Patienten müssen ernst und angenommen werden; keinesfalls
sollte versucht werden, dem Patienten seine Beschwerden auszureden oder ihm
fragwürdige Sicherheit mit immer wieder neuen diagnostischen Maßnahmen zu
geben. Kurzfristige Wiederholung operativer Untersuchungen eignet sich zum
Ausschluss eines relevanten organischen Leidens weniger gut als wiederholte
Suche nach Alarmzeichen und Alarmsymptomen. Die Leitlinien der Diagnostik sind
„so viel wie nötig“ und nicht „so viel wie möglich“. Wenn ein Arzt bei
einem Patienten organisch „nichts findet“, heißt das im psychosomatischen
Sinne nicht, dass der Patient „nichts hat“.
In der ärztlichen Anamnese ist
auf den Zusammenhang von psychosozialen Belastungen und Beschwerden zu achten,
des weiteren darauf, ob andere, nicht organische Beschwerden vorliegen und in
welchem Ausmaß Angst und
Depression
bis hin zu entsprechenden Störungen bestehen.
Grundlage der
psychosomatischen Behandlung von einer Somatisierungsstörung ist
das vertrauensvolle ärztlich-psychosomatische Gespräch. Die wesentlichen
Techniken sind Information, Aufklärung, stützende Begleitung und, je nach
Bereitschaft des Patienten, das Gespräch über die konkreten beruflichen und
privaten bio-psycho-sozialen Belastungen.
Dies ist notwendig, um dem
Patienten Zusammenhänge zwischen körperlichen Veränderungen und Befunden zu
erklären, ihm einerseits Sicherheit bezüglich seiner Beschwerden zu geben und
andererseits erste Schritte zur Veränderung des häufig rein organischen
Erkrankungskonzeptes einzuleiten („Ja, ich merke, mir schlägt der Ärger auf
den Magen!“). Verständnis und Bereitschaft, die psychosomatische Dimension
der Beschwerden anzuerkennen, müssen erarbeitet werden. Vorrangiges Ziel ist
es, bessere Lebens- und Bewältigungsmöglichkeiten zu erarbeiten, die Symptome
zu stabilisieren oder auch zu bessern. Die Therapie im Sinne der
psychosomatischen Grundversorgung beinhaltet Zuhören, Ablenken, Ermutigen,
Erarbeiten von Vorschlägen bis hin zur Berücksichtigung der sozialen,
beruflichen und privaten Probleme.
Psychopharmaka sind
entsprechend der Zielsymptomatik (depressive Verstimmung, Unruhe, Ängste und
andere) nur begrenzt einzusetzen. Dagegen haben Antidepressiva in mehreren
Untersuchungen sehr gute Ergebnisse erbracht. Die Kombination unterschiedlicher
Therapiemaßnahmen ist in einem Therapieplan mit dem Patienten individuell
festzulegen. Bei Patienten mit stärkerer und chronifizierter Symptomatik liegen
häufiger seelische Störungen vor, so dass ausführlichere psychotherapeutische
Angebote notwendig sind. Häufig bestehen ausgeprägte soziale Lebenskonflikte,
die vom Patienten allein nicht gelöst werden können.
Somatisierungsstörung: Therapiemethoden
Tiefenpsychologisch
fundierte Psychotherapie, analytisch orientiert, tiefenpsychologisch fundiert
mit Psychodrama, Verhaltenstherapie, Kreativtherapie, Gestaltungstherapie,
Musiktherapie.
Physiotherapie.
Evtl.
Psychopharmaka-Therapie.
Besonderheiten der Behandlung der
Hardtwaldklinik II:
Kombinierte
Einzel- und Gruppen-Psychotherapie in Verbindung mit zahlreichen
Kreativ-Verfahren, Physiotherapie, Körperwahrnehmungstherapie, Autogenes
Training, Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Konzentrative
Atemtherapie, Konzentrative Bewegungstherapie, Gestaltungstherapie,
Musiktherapie.
Je nach Indikation spezifische Gruppentherapien:
Suchtinformationsgruppe,
Anti-Raucher-Gruppe, Adipositas-Gruppe, Schmerzbewältigungstraining bzw.
Stressbewältigungstraining, Arbeitslosengruppe, spezielle Sozialberatung,
Berufsrehabilitationsberatung.
Ihr Dr. med. B. Keller
Ltd.
Oberarzt der Hardtwaldklink II

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Aktualisiert:
Juli 2010
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